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Armin Rößler - Cantals Tränen

Armin Rößler - Cantals Tränen

Neun Erzählungen aus dem Argona Universum
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„Angriff.“
Luz Andrade hörte den Schrei, schloss die Augen und öffnete seinen Geist.
Tatsächlich. Er fühlte die tödliche Welle des unverständlichen Hasses heranrasen, sah die Spur, die sie hinter sich herzog, den sich rasch ausbreitenden Korridor, in dem sich die Schwärze des Weltraums von einem Moment auf den anderen blutrot verfärbte. Die Flammen des Verderbens näherten sich unaufhaltsam. Grell leuchtend bahnten sie sich ihren Weg.
(aus „Barrieren“)

Geschichten aus einer fernen Zukunft und von fernen Welten, weit draußen, in den Tiefen des Weltraums: exotische Außerirdische, mächtige Raumschiffe, Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten und Wurmlöcher, die viele tausend Lichtjahre voneinander entfernte Planeten verbinden – das sind die Zutaten von Armin Rößlers „Argona-Universum“. Nach den Romanen „Entheete“, „Andrade“ und „Argona“ liegt mit „Cantals Tränen“ der erste Band mit neun Erzählungen aus diesem Universum vor. Sie spannen den Bogen über die unterschiedlichsten Epochen und Schauplätze dieser groß angelegten Space Opera.

 zur Buchausgabe

Armin RößlerArmin Rößler, geboren 1972, lebt mit seiner Familie in Rauenberg am Rand der Weinberge und arbeitet als Redakteur für eine Tageszeitung.
Er hat den Fantasy-Roman „Das vergessene Portal“ und eine Science-Fiction-Trilogie, bestehend aus den Einzelromanen „Entheete“, „Andrade“ und „Argona“, veröffentlicht (alle im Wurdack Verlag), außerdem zahlreiche Erzählungen. Als (Mit-)Herausgeber war er an gut einem Dutzend Science-Fiction-Anthologien beteiligt, zuletzt an „Gamer“ (Begedia Verlag).
2011 ist seine Erzählung „Die Fänger“ in russischer Übersetzung im führenden russischen Science-Fiction-Magazin „Esli“ erschienen.
Als Autor und Herausgeber wurde Armin Rößler mehrfach für den Deutschen Science Fiction Preis, den Kurd Laßwitz Preis und den Deutschen Phantastik Preis nominiert. Im Oktober 2016 erscheint seine Story-Collection „Cantals Tränen“ im Wurdack Verlag.

Barrieren

 

Verloren stand Luz Andrade auf dem großen Platz, der jetzt, zu dieser späten Stunde, menschenleer war. Sein Blick bohrte sich in das Monument, das an die Raumfahrer erinnerte, die vor zwölf Jahren gestorben waren. An ihrer eigenen Unvernunft, hämmerten Luz’ Gedanken kalt. Trotzdem hatte man ihnen dieses Denkmal gesetzt. Manche hielten sie noch heute für Helden. Wie Garca. Was sie und die anderen vorhatten, war Wahnsinn. Luz fragte sich, ob sie es auch ohne ihn wagen würden. Wenn er an den Hass dachte, der sie all die Zeit angetrieben hatte, kannte er die Antwort.

Luz klammerte sich einen kurzen Moment an die alberne Vorstellung, dass es die beste Lösung sein würde, wenn er sich einfach hier, vor den Stufen des Monuments, auf den Boden niederließe und wartete, was geschah. Er hatte so viel falsch gemacht, dass er sich nun davor fürchtete, auch noch den nächsten Fehler zu begehen. Es war zu viel für ihn, mehr als er verkraften konnte. Der Tod wäre leichter zu ertragen gewesen.

Dann verdrängte er die Verzweiflung und löste seine Augen fast gewaltsam von der bronzenen Statue. Sie sagte ihm, dass es nie nur den einen Weg gab oder nur die eine richtige Lösung. Mancher mochte sie als Denkmal sehen, mit der die Menschen von Basis-2 ihrer Toten ehrenvoll gedachten. In seinen Augen dagegen war sie ein Mahnmal gegen die törichte Ignoranz und die Überheblichkeit, die Tod und Verderben brachten. Vielleicht, so dachte er jetzt, war sein Weg gar nicht so falsch gewesen. Vielleicht führte ihn der verschlungene Pfad doch noch ans rechte Ziel.

Luz Andrade richtete den Blick gen Himmel. Irgendwo dort draußen kämpften die Menschen gegen die angreifenden Kotmun. Die nächste Schlacht in einem seit Jahrzehnten erbittert geführten Krieg. Für ihn aber war das nur eine Randnotiz. Denn dort oben war vor allem die Station und dort oben kreiste auch der Todesmond noch ungestört um den Planeten. War das Schiff wirklich unterwegs? Konnte er noch eingreifen? Oder war es zu spät?

Er lief zum Raumhafen und hoffte, dass er dort noch jemanden finden würde, der eine Fähre zur Station steuern konnte.

 

***

 

»Angriff.«

Luz Andrade hörte den Schrei, schloss die Augen und öffnete seinen Geist.

Tatsächlich. Er fühlte die tödliche Welle des unverständlichen Hasses heranrasen, sah die Spur, die sie hinter sich herzog, den sich rasch ausbreitenden Korridor, in dem sich die Schwärze des Weltraums von einem Moment auf den anderen blutrot verfärbte. Die Flammen des Verderbens näherten sich unaufhaltsam. Grell leuchtend bahnten sie sich ihren Weg.

Luz verspürte keine Furcht. Er stellte der Welle seine Barriere entgegen. Er merkte, dass es ihm die anderen gleichtaten. Ihr Geist wurde eins und gemeinsam verwandelten ihre Kräfte seinen eigenen löchrigen Zaun in eine stabile Mauer, die sich schnell und undurchdringlich vor der Welle auftürmte. Die fremde Macht brandete hart gegen den schützenden Schirm. Und doch wankte dieser nicht. Der Hass und der Tod prallten wirkungslos von ihm ab.

Luz genoss das Gefühl der eigenen Stärke und Überlegenheit. Er berauschte sich daran, dass er ein wichtiger Teil des großen Ganzen war, dieses umfassenden Schutzes, der allen Menschen unten auf dem Planeten ein Leben in Sicherheit garantierte. Kurz dachte er schaudernd daran, was geschehen würde, sollten er und die anderen versagen. Doch dann rief er sich zur Ordnung: Dazu würde es nicht kommen. Niemals.

Dann spürte Luz, wie die Barriere wankte. Furcht flackerte in ihm auf. Sie drohte, seine Konzentration zu zerstören. Er wollte sie ignorieren, sie einfach beiseiteschieben, aber er konnte sich ihr nicht entziehen. Wenn die Barriere fiel, deren Teil er war, würde er keine Gelegenheit mehr haben, seine Angst zu bekämpfen. Dann würde es zu spät sein.

Wieder raste eine der Wellen aus den Tiefen des Weltraums heran. Sie bestand aus nackter Gewalt, aus Hass und aus dem Tod, den sie über die Orbitalstation und den ganzen Planeten bringen würde. Sie stieß vehement gegen die Barriere und ließ Luz’ Geist erzittern. Doch er stemmte sich ihr entgegen. Und auch die anderen ließen in ihrem Bemühen nicht nach, den Angriff abzuwehren. Luz fühlte Stolz. Sie würden es schaffen.

Doch plötzlich brach der Widerstand, den die Menschen der Urgewalt entgegengesetzt hatten, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Schmerz raste durch Luz’ Gehirn. Er schrie laut auf und hörte die Schreie auch aus anderen Kehlen.

»Aus«, sagte eine emotionslose Stimme. Laut genug, dass er es über den Schmerz und seine eigenen Schreie hinweg hörte. Das leise Brummen der Geräte, die ihre Gedanken verstärkten, erstarb abrupt. Luz bereitete es wie immer enorme Mühe, aus der perfekten Simulation in die reale Welt zurückzukehren.

Er öffnete die Augen, das Licht blendete ihn nur kurz. Tomkin eilte mit schnellen Schritten durch die Zentrale. Er baute sich vor Chell auf. Ausgerechnet vor Chell. Dieser starrte den Ausbilder aus weit aufgerissenen Augen an. Tomkin ließ es sich äußerlich nicht anmerken, aber Luz wusste, dass der alte Mann vor mühsam unterdrücktem Zorn kochte.

»Sonner«, sprach Tomkin den Jungen gefährlich leise an. »Das wievielte Mal?«

Chell öffnete den Mund, brachte aber nur ein unverständliches Krächzen hervor. Er senkte den Blick.

»Das vierte Mal schon«, assistierte Kiefer schadenfroh. Chell fehlte sogar die Kraft, ihn anzusehen und ihm wenigstens einen bösen Blick zuzuwerfen. Luz sah, dass der andere müde war.

»Es tut mir leid«, sagte Chell schwach.

»Es tut mir leid«, äffte Tomkin ihn nach, im Tonfall noch ein wenig weinerlicher als Chell selbst. Er schüttelte wütend den Kopf. »Kannst du es nicht, oder willst du es nicht? Du hast die Fähigkeit, das haben die Tests zweifelsfrei belegt. Und dennoch versagst du immer wieder.«

»Es ...« Der Junge unterbrach sich, um die Entschuldigung nicht zu wiederholen. »Ich weiß es nicht«, sagte er dann. »Ich verstehe es selbst nicht. Ich hatte so ein gutes Gefühl. Und es hat alles funktioniert. Aber dann ...«

Tomkin fing an, in kurzen und zackigen Schritten vor Chell auf und ab zu gehen. »Du hast dich ablenken lassen«, dozierte er. »Wieder einmal. Du bist nicht bei der Sache, Sonner. Du kannst dich nicht konzentrieren. Das kann ich nicht länger akzeptieren.«

Luz hörte Kiefers leises, aber höhnisches Lachen. Er sah die Tränen in Chells Augen. Der Junge zitterte am ganzen Körper.

»Das ...«

Chell stockte, setzte noch einmal zum Sprechen an, verstummte dann aber. Er weinte. Kiefer lachte im Hintergrund.

Tomkin blieb eiskalt. »Was glaubst du, was im Ernstfall geschehen wäre? Dann wären wir jetzt alle tot. Alle in der Station und alle auf dem Planeten. Deinetwegen. Allein deinetwegen.«

Luz war nahe daran, sich einzumischen. Aber er schluckte die Erwiderung hinunter, die ihm auf der Zunge lag. Der Ernstfall. Es hatte seit zwölf Jahren keinen mehr gegeben. Und diesen hatten die Menschen selbst ausgelöst. Eine Dummheit, die niemand wiederholen würde. Trotzdem war es nicht völlig unmöglich, dass es eines Tages erneut geschah. Und für diesen Fall mussten sie gewappnet sein. Sonst würde sich Tomkins Prophezeiung erfüllen.

»Du bist raus, Sonner«, sagte Tomkin hart. »Du kannst gehen. Zurück nach unten. Hier nützt du uns nichts. Im Gegenteil. Du bist eine Gefahr.«

Chell stand wortlos auf. Er widersprach Tomkin nicht. Er stand einfach auf und ging aus der Zentrale, ohne sich noch einmal umzusehen. Kiefer kicherte erneut. Luz sagte noch immer nichts. Er fühlte sich erbärmlich. Aber sein Platz war hier.

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