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Niklas Peinecke - Das Haus der blauen Aschen

Niklas Peinecke - Das Haus der blauen Aschen

Band 2, Paperback, 250 Seiten                                                        
Artikelnummer:  
783955560119
12,95 €
[inkl. 7% MwSt]
  

Als eine junge Astrophysikerin die Gelegenheit erhält, eine Expedition zu dem rätselhaften Zwergstern ERC 238 auszurüsten, ist ihre Freude groß, mehr noch, weil ihre große Liebe mit von der Partie sein wird.
Doch dann häufen sich unerklärliche Vorfälle: Der Bordarzt verschwindet und wird durch eine undurchschaubare Kollegin ersetzt, Geräte fallen aus, Spuren einer untergegangenen Zivilisation werden entdeckt. Bald scheint eine Rückkehr mehr als unwahrscheinlich.
Und ERC 238 hat sein letztes Geheimnis noch nicht preisgegeben …

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Niklas Peinecke


Niklas Peinecke, geboren 1975 in Hannover, hat Mathematik, Informatik und Soziologie studiert.
Er schreibt hauptsächlich Science-Fiction, seltener Geschichten in anderen Genres.
Seine Werke sind bisher in diversen Online-und Print-Magazinen erschienen, unter anderem c‘t und Nova.
Er lebt und arbeitet in Hannover.

Für mich bisher der stärkte Roman der Reihe. Eine interessante Heldin, knackig erzählte Story und immer weitere Informationen über die Hintergrundwelt. Insgesamt gefällt es mir sehr gut, wie ein auch wissenschaftlich (scheinbar) kohärentes Universum vorgestellt wird. So darf es sehr gerne weitergehen.
Würfelheld.de

Auch wenn mir zumindest die Installation und Zeichnung der Hondh-Verräterin ein wenig zu offensichtlich ausfiel, überzeugten insbesondere die KIs sowie der phantastische Handlungsort und weckten Appetit auf die weiteren Bände.
Carsten Kuhr, Phantastik-News

Von Stimmen geführt

Der Himmel von Alpha Downspin 2, genannt Zwo, sah aus, als sei er verrostet, und die Luft, die Farne durch den Schlauch atmete, schmeckte auch so.
Na, das passt ja perfekt, dachte sie. Laut fragte sie: »Und wie lange genau müssen wir jetzt auf diesem vergammelten Planeten ausharren?« Die Worte kondensierten als kleine Nebelflecke auf dem Visier ihres Helms.
»Ich hoffe, noch sehr lange«, antwortete Hanner. Seine Stimme schien aus ihrem Nacken zu kommen. Tatsächlich hörte sie nur eine Funkübertragung. Hanner stand fünfzig Meter von ihr entfernt im vom Eisenoxyd braun verfärbten Sand und grub mit einem Klappspaten hingebungsvoll an einem Loch.
Farne schlang die Arme um den Körper, als wäre ihr kalt, dabei sorgte der eng anliegende Thermoanzug für eine behagliche Temperatur. Eher fror sie innerlich beim Anblick dieser korrodierten Metallwelt. Sie hob den Kopf. Augenblicklich schwärzte der Helm ihr Visier, sodass sie unbeschadet Alpha Downspin betrachten konnte, die Primärsonne dieses verfluchten Systems, die hasserfüllt Megajoule blauen Lichts und tödlicher Röntgenstrahlung auf den Planeten schleuderte. Beta Downspin, die zweite Sonne, war nur als blassroter Fleck knapp über dem Horizont erkennbar. Sie waren weit genug von Alpha entfernt, dass die Planetenoberfläche buchstäblich eiskalt war, trotzdem viel zu nah, um der harten Strahlung zu entgehen.
Kein freundlicher Ort.
»Was gefällt dir denn so sehr an diesem reizenden Rostklumpen?«, maulte Farne. Sie hätte sich gern eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen, was der Helm wirkungsvoll unterband.
»Zwei Dinge.« Hanner keuchte, während er weiter an seiner Grube grub. »Erstens: die Massen von Technekton, die hier herumliegen.«
Das war ein Punkt. Wobei »herumliegen« eine irreführende Beschreibung war. Das Technekton kroch, hüpfte und grub sich an mehreren Stellen durch den Sand, am Horizont konnte Farne immer wieder kugelförmige Dinge in flachen Parabeln zwischen rostigen, zerklüfteten Türmen einer – ja, es sah aus wie eine solche – Stadt erkennen. Technekton war eine Daseinsform von metallbasierten Automaten, die man überall auf Planeten in der Nähe von Alpha Downspin fand. Es war unter Experten umstritten, ob es sich um Leben handelte. Sie bezeichneten die in allen Größen, von den Ausmaßen eines Lastkrans bis zu Winzlingen von der Größe eines Bakteriums, auftretenden Maschinen als »Von-Neums«, abgeleitet von einem uralten Wort für selbst reproduzierende Mechanismen. Was Hanner dort ausgrub, hatte Jel als »Bibliothek« bezeichnet, einen Klumpen von ungefährer Größe einer Gartenlaube, dessen Inneres für gewöhnlich mit glänzenden Bleikacheln gefüllt war, deren Oberflächen Kratzer und Riefen in fantastischen Penrose-Mustern aufwiesen. Manche Forscher hielten die Fliesen für eine Art Maschinen-DNS, andere waren überzeugt, dass es sich um Aufzeichnungen der verschwundenen Zivilisation handeln müsse, die das Technekton hinterlassen habe. Wieder andere bezweifelten, dass die Nektosphäre überhaupt künstlich hergestellt worden war. Sie behaupteten, die Maschinen, oder vielmehr eine Vorläuferform davon, hätten das biologische Leben erschaffen und seien dann fast überall in der Galaxis davon verdrängt worden.
Diese Theorie mochte Jel besonders, wenn auch nur, weil er sie so absurd und unterhaltsam fand.
Farne lächelte unwillkürlich und vergaß völlig zu frösteln beim Gedanken an ihren Mann. Sie waren nun seit zwei Monaten verheiratet. Auch wenn sie sich ihre Hochzeitsreise irgendwie anders vorgestellt hatte, war sie doch zufrieden, mit Jel zusammen sein zu können. Sie war immer noch stolz auf den Trick, mit dem sie dem Ausschuss der Universität weisgemacht hatte, dass die Expedition dringend eine Astrophysikerin mitnehmen müsse.
»Zweitens«, fuhr Hanner mit seiner Aufzählung fort, »ist die Geologie dieses Planeten spektakulär.«
»Inwiefern?« Farne hörte nur halb zu. Lieber verweilte sie noch ein wenig mit ihren Gedanken bei Jel, wo immer der sich gerade herumtrieb. Er war vor einer Stunde mit Medoc Kolker Ilhave aufgebrochen, um die rostige Turmstadt zu untersuchen. Eigentlich hätte er sich inzwischen über ihr Satellitentelefon melden sollen.
Hanner stützte sich auf seinen Spaten und verschnaufte. »Das Nekton hat sich auf diesem eigentlich inaktiven Steinklumpen derart oft durch den Erdmantel gefräst, dass es eine eigene Qualität von geologischen Prozessen in Gang gesetzt hat. Stell dir eine Biosphäre vor, die Kontinentalplatten verschieben kann, dann hast du eine Idee, wovon ich rede.«
»Wieso hat sich dann bisher niemand für Zwo interessiert?«
Hanner zuckte mit den Schultern. »Gute Frage. Ich denke mal, es hat damit zu tun, dass man das ganze Downspin-System für ein Protektorat des Imperiums hielt. Niemand kam hierher, weil die Nachbarn Angst vor den Hondh hatten.«
»Den Hondh …«, sagte Farne versonnen. »Komische Idee. Vor dem Imperium, okay. Aber den Hondh? Warum nicht vor Drachen?«
Hanner nahm seine Grabung wieder auf. »Du musst dir klarmachen, dass die Hondh für die Leute hier am Rand des Imperiums eine Realität sind. Wir kommen von Athena, was weit vom Imperium weg ist. Aber hier haben die Leute eine Menge Mythen und Legenden über die Expansion zu erzählen. Du findest bestimmt niemanden, der nicht behauptet, einen Kampfpiloten oder zumindest einen Sanitäter aus dem Krieg in seinem Familienstammbaum zu haben.«
Farne schnaubte. »Du redest über diese Märchen, als handele es sich um geschichtliche Tatsachen. Vielleicht gibt es gar keine Hondh. Vielleicht ist der Name ‚Hondh‘ nur eine Bezeichnung für eine Clique elitärer Oligarchen, die das Imperium im Geheimen unterjocht haben. Gab es überhaupt so etwas wie einen Krieg? Ich habe gelesen, dass es in den letzten Jahren dieses ominösen Konflikts nicht einmal Geld gab, um die Kampfschiffe zu reparieren. Viele Planeten der ehemaligen Hegemonie hatten kein Interesse mehr daran, sich an der Flotte der Erde zu beteiligen – was sagt uns das über den angeblich so verzweifelten Abwehrkampf?«
Hanner lachte leise. »Du engagierst dich in diesem Thema mehr, als ich gedacht hätte. Ich weiß auch keine Antworten auf deine Fragen. Es kann alles ein Missverständnis sein oder ein Haufen Legenden, der auf einem wahren Kern beruht. Aber sprich besser nicht mit dem Doc darüber.«
»Mit Kolker? Warum?«
»Er ist ein Fanatiker. Ilhave glaubt, dass die Hondh eine Art Götter seien, prähistorische Superwesen, die das organische Leben erschaffen hätten und nun zurückgekehrt seien, um ihre Schöpfung zu begutachten.«
Farne schüttelte den Kopf. »Was für ein Schwachsinn! Egal, wohin man kommt, überall sehnen sich die Leute danach, von gütigen, aber strengen Eltern gemaßregelt zu werden. Was hat die Menschheit bloß in ihrer Kindheit angestellt, um ein derart schlechtes Gewissen zu verdienen?«
Erneut lachte Hanner leise. »Oh, mir würde da genug einfallen. Neid und Missgunst, Hochmut, Selbstüberschätzung …«
»Genau, denk nur an die Klon-Pandemie!«
»... Verrat, Ehe…«, Hanner hielt inne.
»Wolltest du gerade ‚Ehebruch‘ sagen? Ist es nicht ein wenig altmodisch, das mit den anderen Scheußlichkeiten in einen Topf zu werfen?«
Hanner hob den Kopf und sah sie an. Durch das spiegelnde Visier konnte sie seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen.
»Vielleicht«, sagte er. »Vielleicht. Das bringt mich auf einen weiteren Grund, warum ich hier bin.«
»Der da wäre?«
»Du.«
Farne spürte, wie sie errötete. Sie hoffte, dass Hanner dies ebenfalls durch den Helm nicht erkennen konnte. »Hör auf. Du weißt, dass ich mit Jel glücklich bin.«
»Und ich gönne es euch beiden. Daher sage ich nicht, an wen du dich wenden kannst, wenn du mal etwas …«
»Nun ist aber gut! Außerdem frage ich mich langsam, wo Jel und dieser Doktor überhaupt abgeblieben sind. Hätten sie sich nicht längst einmal melden sollen?«
Hanner warf den Spaten über den Rand der inzwischen beträchtlich vergrößerten Grube und stieg zu ihr hinauf. »Du hast recht. Vielleicht sollten wir sie kontaktieren.«
Beide stellten den Helmfunk auf einen öffentlichen Modus und lauschten. Sofort erschienen in Farnes Helmsicht diverse Statusanzeigen. Ein wenig erleichtert erkannte sie, dass Jels und auch Kolkers Kennung am Rand aufleuchteten. Sie waren in Reichweite des Satelliten und ihr Helmfunk war unbeschädigt.
»Hanner, Farne! Hört ihr mich?«, hörten sie Jel in diesem Moment rufen.
Am Horizont erschien eine Säule aus Staub.
***

Medoc Kolker Ilhave hörte Stimmen.
Als Mediziner wusste er sehr genau, dass es ein Zeichen der unterschiedlichsten Geisteskrankheiten sein konnte, in seinem Inneren das leise, stetige Wispern mal mehr, mal weniger wohlmeinender Wesenheiten zu vernehmen. Als Sohn seiner Mutter aber war er sich gewiss, dass diese Stimmen nichts Böses bedeuteten. Er war nicht wahnsinnig, nicht er.
Diese Stimmen hatte er gehört, fast solange er sich zurückerinnern konnte. Sie waren zu ihm gekommen, als ihn seine lachhaften, bedauernswerten Klassenkameraden auf dem Schulhof herumgeschubst hatten. Heute wusste er, dass sie nur bemitleidenswert waren, aber damals war er verzweifelt gewesen, bis die Stimmen kamen. Sie hatten ihm Trost zugesprochen, ihm gesagt, was richtig und was falsch war. Sie hatten leise, aber unaufhörlich zu ihm geflüstert, leise, leise, »Kolker, Kolker«, hatten sie gesagt, »deine Zeit ist noch nicht gekommen, aber wir kennen dich, wir kennen dich besser, es ist richtig, zu dienen, es ist richtig, seinen Platz zu kennen, es ist falsch, zu viel wissen zu wollen.«
Zuerst war er entsetzt gewesen. Aber seine Mutter, der einzige Mensch, der ihn immer verstanden hatte, der ihm ein Vorbild war, hatte ihm erklärt, dass viele Menschen die Stimmen hören konnten.
Da stand er vor ihr, ein Junge von gerade einmal sieben Jahren, mit zu langen, zu dünnen Armen, ein Junge, der auf jedem Foto lächelte, bis zu dem Tag, an dem er in die Schule kam. Jetzt lächelte er nie mehr. Seiner Mutter stach es ins Herz.
»Viele Menschen hören sie«, sagte seine Mutter. »Sie sagen, was richtig und was falsch ist.«
»Aber warum kann ich sie in meinem Kopf hören«, wollte Kolker wissen.
»Weil sie alles sehen und alles wissen.«
»Alles auf allen Planeten?«
»Ja, auf allen Planeten im Imperium.«
»Und außerhalb?«
»Du weißt, dass es nicht richtig ist, danach zu fragen.«
»Es ist falsch, nach dem Außerhalb zu fragen, es ist falsch«, flüsterten die Stimmen.
Kolker schüttelte den kleinen Kopf und stülpte die Unterlippe vor. »Aber wer sind sie?«, fragte er.
»Die Hondh«, sagte seine Mutter und umarmte ihn fest. »Die Hondh«, flüsterte sie in sein Ohr.
Und der kleine Junge Kolker fragte sich, warum sie so heftig weinte, dass seine Schulter ganz nass wurde, obwohl er doch zum ersten Mal seit Jahren wieder froh war, sich wieder sicher und gewiss fühlte.
Sie hatten ihn fest geleitet. Nie war er im Zweifel gewesen, was er als Nächstes zu tun hatte. Er hatte gelernt, was sie ihm bedeuteten, und so war er unter den Besten seines Jahrgangs gewesen. Er hatte seine Feinde in der Schule an den richtigen Körperstellen getreten und gedrückt, sodass sie ihn in Ruhe ließen. Das hatte auch sein Interesse an Anatomie und Medizin geweckt. Der menschliche Körper war so eine lächerlich fragile, empfindliche Maschine. Ein Mensch konnte seine Muskulatur trainieren, bis er der stärkste und ausdauerndste Mensch des Imperiums war, ein wohlplatzierter, kräftiger Druck eines Schwächlings, und schon schwand das Bewusstsein des Mister Imperium, machte ihn zu einem hirnlosen Haufen Mett zu Füßen seines Gegners. Es wunderte Kolker nicht im geringsten, dass solche Wesen der Anleitung und des Schutzes überlegener Intelligenzen bedurften. Dies waren, so hatte er begriffen, die Hondh.
Vor über fünfhundert Jahren waren sie zu den zerstrittenen Welten der Terranischen Hegemonie gekommen und hatten diese blökende Schafherde unter ihren wohlmeinenden Schutz gestellt. Gehört hatte er davon schon als kleines Kind, begriffen aber hatte er es langsam, über die Jahre, die ihm diese freundlichen Götter nun ihre Hilfe geboten hatten.
So war er Mediziner geworden, und so war er in diese Lage gekommen, sich hier auf diesem rostigen Planeten wiederzufinden, wie eine Fliege an die Wand eines vibrierenden, eisernen Turms geklebt, wenige Meter unter dem ihm verhassten Leiter der Expedition. Dieser elende Planet, der von metallischen, pseudolebendigen Organismen wimmelte, die ihm mit ihrer ganzen Existenz ein hallendes »degeneriert!« entgegenbrüllten. Was war das nur für eine Welt? Die traurigen Nachfahren einer höherstehenden Wesenheit, die nie den Status der Hondh erreicht hatte? Amoklaufende Dienermaschinen, die ihre hoffärtigen Erschaffer vernichtet hatten? Ungehorsame Kreaturen, die von den Hondh mit dumpfem, maschinellen Dahinvegetieren bestraft worden waren?
»Wofür halten Sie das?«, fragte er laut, mehr zu sich selbst.
Jel fühlte sich angesprochen. »Was denn? Diese Türme oder den ganzen Planeten?«
Kolker war es peinlich, laut gedacht zu haben, deshalb sagte er das Erste, was ihm durch den Kopf ging. »Mehr den ganzen Planeten. Das Technekton. Was ist es, wo kommt es her, wer hat es erschaffen?« Hatte er das wirklich sagen wollen? Er lauschte in sich hinein, doch die Stimmen der Hondh schwiegen. Das war bereits seit Tagen so, seit sie diesen einsamen Rostfleck im Nirgendwo erreicht hatten. Zum ersten Mal seit über dreißig Jahren war er wirklich außerhalb des Imperiums, verlassen von seinen Göttern.
Jel zog sich auf einen Absatz des Turms, sicherte sich an einer aus der Wand wachsenden Öse und streckte Kolker die Hand entgegen. Der ergriff sie und zog sich ebenfalls auf die Terrasse.
»Der Planet«, setzte Jel an. Er war leicht außer Atem von der Klettertour und sein Helm beschlug von innen, bevor die Klimaautomatik seine Sicht wieder klärte. »Der Planet ist ein Rätsel. Es ist seltsam, dass es eine komplette Ökologie metallischer Lebensformen geben kann, die sich offenbar über Jahrtausende in den Mantel einer ansonsten so dermaßen toten Welt graben können. Es ist mehr als seltsam, dass es keinen Hinweis auf eine Herkunft, eine Evolution oder eine Erschafferspezies gibt. Aber am allerseltsamsten ist, dass sich nahezu tausend Jahre lang niemand, aber auch wirklich niemand, dafür interessiert hat. Meinten Sie das, so in etwa?«
Jel wandte Kolker das Gesicht zu, aber in seinem Helm spiegelte sich nur der orangerote Horizont der untoten Welt um sie.
»Nein«, sagte Kolker. »Nein, ich denke, ich meinte das hier!«
Das stetige Vibrieren des Turms hatte sich zu einem wilden Beben gesteigert, das von einem urweltlichen, tiefen Brummen aus den Tiefen des Gebäudes begleitet wurde.
»Hanner, Farne! Hört ihr mich?«, rief Jel in seinen Helmfunk.
»Wir hören«, antwortete Farnes Stimme.
»Wir haben hier eine Art Erdbeben. Könnt ihr das bestätigenoder ist es ein lokales Phänomen?«
»Nein, negativ«, antwortete nun auch Hanner. »Bei uns ist alles ruhig.«
Inzwischen hatte sich das Rütteln derart gesteigert, dass Jel und Kolker in die Knie gehen mussten.
Kolker suchte Halt an einer Art niedrigen Brüstung, die sich, einem gusseisernen Knochen gleich, um die Terrasse zog. »Zum Glück sind wir gesichert! Wenn uns das an der Wand erwischt hätte …«
»Was ist denn da los?« Farnes Stimme verriet Besorgnis.
Kein Wunder, dachte Kolker. Sie und Jel sind ein Ehepaar. Das war die einzige Erklärung für die Anwesenheit der Astrophysikerin auf dieser Expedition, denn stellare Physik gab es hier ansonsten nicht viel zu sehen. Alpha Downspin war aus wissenschaftlicher Sicht eine bemerkenswert langweilige Sonne.
»Wir haben hier eine Art Beben, der ganze Turm bewegt sich«, gab Jel durch. »Außerdem steigen Massen von Staub auf. Wir können fast nichts mehr sehen.«
Tatsächlich konnte Kolker mittlerweile nicht einmal mehr Jel erkennen. Rotbrauner Staub wirbelte um sie herum, als wären sie in ein massives, undurchdringliches Meer aus trockener Erde eingetaucht. Innerhalb von Sekunden war die Welt um ihn herum völlig verschwunden, das Dröhnen verstummte und Kolker war mit einem Mal der einzige Mensch im Universum. Er sah nichts. Er hörte nichts. Sogar der Helmfunk schwieg für zwei lange, ewige Atemzüge.
Dann hörte er die Stimme. Sie sagte, den Maschinen zu vertrauen, sei falsch.
Erst dann nahm er den Schrei wahr, der schon seit Minuten aus dem Helmfunk gellte.
***

Hanner hatte in Rekordzeit einen der beiden Oberflächenbuggys klargemacht, dann waren sie über die Ebene gerast, mit einer Schleppe aus Staub von der Farbe geronnenen Blutes hinter sich. Sie erreichten den Rand der rostigen Stadt nur Minuten nach dem angsterfüllten Schrei, der durch den Helmfunk gegellt war. Schon von Weitem sah Farne eine Gestalt am Fuß des Turms knien. Sie sprang aus dem Buggy, noch bevor Hanner diesen völlig abbremsen konnte. Da lag eine zweite Gestalt am Boden.
Jel.
»Er ist bewusstlos«, erklärte Kolker überflüssigerweise und erhob sich.
Auf Jels Brust pulsierte bereits ein kreislaufstabilisierendes System, eine glatte, hellrote Box, die vorsichtig Hormone, Medikamente und elektrische Ströme in seinen Körper einleitete, um ihn am Leben zu erhalten.
Farne ballte die Faust und atmete schluchzend ein, als sie sah, wie langsam sich die Brust ihres Mannes hob und senkte.
»Was können wir tun, Doc?«, fragte Hanner.
»Wie bitte?« Kolker sah abrupt auf, als habe er auf ein Geräusch gelauscht.
Doch nun herrschte tödliche Stille. So schnell, wie das dröhnende Beben aufgetaucht war, war es auch wieder vergangen. Der Turm stand still wie ein Triumphdenkmal unbegreiflicher Röhrenwesen vor dem signalroten Himmel, als habe er seit Jahrhunderten nichts anderes getan.
»Was wir jetzt für ihn tun können?«, sagte Hanner mühsam beherrscht.
»Oh, klar. Wir müssen Jel so schnell wie möglich auf die Krankenstation schaffen.«
Hanner verwandelte die Rückbank des Buggys in eine Krankenliege, die er rasch ausfuhr und zu Boden senkte. Dann hoben er und Kolker Jel behutsam ein Stück zur Seite, um ihn so auf die Liege zu wälzen.
»Vorsichtig!«, sagte der Arzt. »Er ist aus mindestens zwanzig Metern Höhe abgestürzt.«
»Wie konnte das passieren?«, rief Farne. Sie war noch immer fassungslos und beobachtete das Geschehen wie erstarrt. Ihr war unendlich kalt und sie fühlte sich, als müsse sie augenblicklich sterben, wenn sie nur versuchte, sich zu bewegen.
»Später«, sagte Kolker. Hanner und er sprangen in den Buggy. »Frau Oslar, bitte nehmen Sie ein kreislaufstabilisierendes Mittel aus Ihren Anzugvorräten. Sie stehen sicher unter Schock.«
»Ja, sicher.« Sie schwieg kurz. »Aber ihr könnt mich doch nicht hier lassen!«
Hanner drehte sich kurz zu ihr. »Ich hole dich gleich ab. Aber wir haben keinen Platz im Buggy.«
»Natürlich.«
Als der Buggy in seiner Staubwolke Richtung Schiff verschwand, wurde Farne so schlecht, dass sie sich auf den Boden im Schatten des Turms setzen musste. Drei Atemzüge kämpfte sie mit der Übelkeit, dann konnte sie immerhin das Helmmenü aufrufen und so eine grüne Pille in die Mundtülle bugsieren. Sobald sie die geschluckt hatte, wurde ihr etwas besser – zumindest körperlich. Dann war Hanner auch schon zurück und brachte sie zum Schiff.
»Was ist mit Jel?«, fragte sie nach einer Weile glatten, undurchdringlichen Schweigens.
»Kolker sagt, dass seine Sicherung aus dem Turm gerissen sein muss. Er selbst konnte wegen des Staubs nichts sehen, aber plötzlich hing Jel mit blutendem Arm über dem Abgrund, dann fiel er hinunter. Fast gleichzeitig muss das Beben aufgehört haben, denn Kolker konnte sofort hinterherklettern.«
Sie erreichten das Schiff, das wie ein gigantischer, hellblauer Plattfisch in der roten Ebene lag. Sofort eilte Farne in die winzige Krankenstation.
Ihr Mann lag dort auf einer schmalen, hellgrünen Liege. Er sah aus, wie eine Nachbildung seiner selbst aus weißem Polypropylen. Es war der entsetzlichste Anblick, den Farne je ertragen musste.
»Was können Sie mir sagen, Medoc Kolker?«
Der Arzt fuhr sich über das schweißglänzende Gesicht. Er war nur schnell aus dem Druckanzug gesprungen, stand, ebenso wie Farne und Hanner, noch in seiner verschwitzten Bordkombination in dem winzigen Raum. »Soweit ich das sehe, hat er eine Gehirnerschütterung. Darüber hinaus hat er sich nicht verletzt. Es ist kein Knochen gebrochen, nur sein Knie ist verstaucht. Er hat unglaubliches Glück gehabt.«
Farne lächelte, unsicher, erleichtert. »Was sagt die KI?«
Kolker schüttelte den Kopf. »Wir haben keine medizinische KI an Bord. Dies ist ein Schiff von Regis.«
»Und was erklärt das?«, fragte Hanner ungehalten und sprach damit Farnes Gedanken laut aus.
Kolker sah unsicher von Farne zu Hanner und zurück. »Es gibt ein Edikt gegen KIs auf den Welten des Imperiums. Wussten Sie das nicht?«
Sie hatten es nicht gewusst, denn es war gelogen.
Medoc Kolker Ilhave persönlich hatte die KI vor dem Abflug aus der Station entfernt, weil seine inneren Stimmen ihm dazu geraten hatten.
Am folgenden Tag ging es Jel wieder so weit besser, dass er aufstehen konnte. Gegen Mittag nahm er eine kleine, leichte Mahlzeit ein und diskutierte mit Hanner über denkbare Gründe für das Beben. Am Abend bekam er starke Kopfschmerzen. Kolker verabreichte ihm ein Schmerzmittel, woraufhin Jel einschlief. Um halb drei starb er an inneren Blutungen, die Kolker Ilhave nicht erkannt hatte.
Der Mediziner wurde von der Universitätsleitung nach der Rückkehr nach Athena wegen unterlassener Hilfeleistung und ärztlicher Kunstfehler angeklagt. Nachzuweisen war ihm aber lediglich, dass er die KI entfernt hatte, die die Verletzungen diagnostiziert hätte. Da er sich auf weltanschauliche und religiöse Gründe dafür berufen konnte, die seinem Arbeitgeber vor der Einstellung bekannt waren, wurde er lediglich auf Bewährung verurteilt.
Er verschwand im Imperium, ehe die diffusen Rachepläne, die Farne in ihrem Inneren hegte, Gestalt annehmen konnten.
Zeit verging.
Farne blieb auf Athena, bekam einen Lehrauftrag, verliebte sich und verlor die Liebe wieder, mehrmals in wenigen Jahren. Hanner verlor sie aus den Augen, was möglicherweise Absicht war, denn der gemeinsame Freund erinnerte sie schmerzlich an Jel.
Einige Monate fühlte sie wilden, rohen Hass gegen alle Mediziner, ging sogar ein ganzes Jahr lang zu keiner Vorsorgeuntersuchung, bis sie auf einer Campusparty Olter Jarfen kennenlernte, einen deutlich älteren Mediziner, der ihr Vertrauen in die Erben Hippokrates’ wieder herstellte. Er wurde ein guter Freund, vielleicht sogar mehr als das. Sie unternahmen Expeditionen zusammen. Manchmal war sie fast so glücklich, wie während ihrer kurzen Ehe.
Aber etwa alle zwei Monate erwachte sie mitten in der Nacht gegen zwei Uhr, weil sie meinte, Jels Stimme gehört zu haben.

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