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Armin Rößler - Andrade

Armin Rößler - Andrade

Band 2 der Argona-Trilogie, Paperback, 302 Seiten                                                        
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978395556097
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Nominiert für den Deutschen Science Fiction Preis 2008 und den Kurd Laßwitz Preis 2008

In der Galaxis tobt ein Krieg, in dem die unheimlichen Kotmun Planet um Planet erobern.
Den Menschen in Basis-2 bleibt nur noch wenig Zeit, denn die geheimnisvolle Macht vom Todesmond mobilisiert alle Kräfte, um sie zu vernichten.
Luz Andrade, der in den Tiefschlaf verbannte Ment, scheint ihre letzte Hoffnung zu sein. Doch er hat seine eigenen Pläne. Und Paul, ein Junge ohne Vergangenheit, sucht den Weg zu sich selbst

Andrade ist der zweite Roman aus Armin Rößlers Argona-Universum. Der Vorgänger Entheete wurde als bester deutschsprachiger Science-Fiction-Roman 2006 für den Deutschen Science Fiction Preis und den Kurd Laßwitz Preis nominiert.

 

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Armin RößlerArmin Rößler, geboren 1972, lebt mit seiner Familie in Rauenberg am Rand der Weinberge und arbeitet als Redakteur für eine Tageszeitung.
Er hat den Fantasy-Roman „Das vergessene Portal“ und eine Science-Fiction-Trilogie, bestehend aus den Einzelromanen „Entheete“, „Andrade“ und „Argona“, veröffentlicht (alle im Wurdack Verlag), außerdem zahlreiche Erzählungen. Als (Mit-)Herausgeber war er an gut einem Dutzend Science-Fiction-Anthologien beteiligt, zuletzt an „Gamer“ (Begedia Verlag).
2011 ist seine Erzählung „Die Fänger“ in russischer Übersetzung im führenden russischen Science-Fiction-Magazin „Esli“ erschienen.
Als Autor und Herausgeber wurde Armin Rößler mehrfach für den Deutschen Science Fiction Preis, den Kurd Laßwitz Preis und den Deutschen Phantastik Preis nominiert. Im Oktober 2016 erscheint seine Story-Collection „Cantals Tränen“ im Wurdack Verlag.

eins


Der Scherenbaum erwachte zu neuem Leben.
Paul fröstelte. Er liebte diesen Platz, tagsüber und am Abend, während die Sonne langsam unterging. Bevor es gefährlich wurde.
Es begann mit einem feinen Klicken, kaum hörbar. Die Blätter raschelten, erst leise und sanft, bald lauter. Die Äste berührten sich, zögerlich, fordernder, dann schlugen sie hart aufeinander. Wie Scheren aus Metall, die sich rasend schnell öffneten und schlossen. Ein bedrohliches Geräusch. Eine Warnung, so unmissverständlich, dass sie jeder begriff.
Paul wusste, dass es Zeit war, für heute Abschied zu nehmen. Es fiel ihm schwer. Er schaute noch einmal hinüber zum Grab, zu dem schlichten Holzkreuz, das die Männer in die frisch aufgeschüttete Erde gebohrt hatten. Der Pater war tot. Und er selbst musste nun gehen. Obwohl es ihn schmerzte, mehr als alles andere.
Das Klappern der Äste hatte sich längst zum Inferno gesteigert. Es klang, als tobe über ihm ein wilder Sturm, eine Urgewalt, die alles an sich riss und es mit Wucht wieder von sich schleuderte. In diesen Momenten wirkte der Scherenbaum auf Paul wie ein Lebewesen, das sich in einem unkontrollierten Wutausbruch die Seele aus dem Leib schrie.
Er blickte noch einmal zum Grab des Paters, auf das Ende seines bisherigen Lebens. Paul schämte sich nicht, als er die Tränen spürte. Jetzt waren sie angebracht. Später würde keine Zeit mehr für Trauer bleiben.
Dann spürte er einen anderen Schmerz. Einen Stich in seiner Schulter, so winzig, dass er kaum in sein Denken eindrang. Etwas bohrte sich durch seine Haut, tief ins Fleisch hinein, alarmierte ihn, weckte ihn aus seinen trüben Gedanken.
Er sprang auf, weil er endlich begriff. Der Scherenbaum hatte ihn als Opfer auserkoren. Paul blieb nur die Flucht. Im tosenden Lärm der Äste rannte er davon, so schnell er konnte. Er merkte, dass ihn etwas am Rücken berührte, doch der Schmerz blieb aus. Die Fruchtkapsel des Baums hatte es offensichtlich nicht geschafft, den Stoff seiner Jacke zu durchdringen und ihre feinen Tentakel in seine Haut zu schlagen. Paul hastete weiter, zwanzig, dreißig, fünfzig Meter. Vorbei am Grab, nur weg von diesem Ort.
Sobald die Sonne untergegangen war, schossen die Scherenbäume ihre Fruchtkapseln auf alles, was sich bewegte. So befahl es ihnen die Natur. Paul wusste das, deshalb war er auch jedes Mal rechtzeitig wieder aufgebrochen. Nur heute hatten der Tod des Paters und der Anblick des Grabes, die Endgültigkeit dessen, was geschehen war, ihn diese Tatsache vergessen lassen. Er war in letzter Sekunde geflüchtet, fast zu spät.
Vielleicht zu spät. Er hielt keuchend an, weit genug vom Scherenbaum entfernt. Doch der Schmerz brannte wütend in seiner Schulter. Paul wurde schwarz vor Augen. Er musste sie schließen, um sich konzentrieren zu können. Etwas ist zurückgeblieben. Er spürte ein Pochen, ein leises Vibrieren. Es kam aus ihm, aus seinem Körper.
Paul biss die Zähne zusammen, um nicht schreien zu müssen. Der Tentakel, nichts anderes konnte es sein, steckte in seiner Schulter. Und er bohrte sich immer tiefer in sein Fleisch. Breitete sich aus. Irgendwann würde er überall sein. Paul hatte von solchen Fällen gehört. Die Anschaulichkeit, mit der ihm der Pater die Leiden der Opfer beschrieben hatte, ließ ihn frösteln. Trotzig sagte er sich dann, dass ihm das nie passieren würde. Der Scherenbaum war sein Baum, bei ihm fühlte er sich geborgen.
Jetzt war der Pater tot, und Paul würde es vielleicht auch bald sein.
Er kämpfte gegen den Schmerz an, verdrängte die Gedanken an die Vergangenheit. Er musste in die Mission. Dort mochte es Hilfe geben. Ein Medikament. Etwas, das …
Es ist zu spät, hämmerte es in Pauls Kopf. Du stirbst.
Der Schmerz wurde mit jeder Sekunde stärker. Paul zitterte. Vor seinen Augen tanzten bunte Farben. Er verlor zunehmend die Kontrolle über seinen Körper. Trotzdem bemerkte er, dass sich seine Beine noch bewegten. Er konzentrierte sich darauf, versuchte, sie an den richtigen Ort zu lenken.
Es war nicht weit. Der kleine Friedhof, an dessen Rand Pauls Scherenbaum wuchs, lag nur wenige Meter hinter den letzten Häuserblöcken von Basis-2. Die Mission befand sich ebenfalls in diesem Bezirk. Paul erinnerte sich daran, wie das kleine Heim des Paters mitten zwischen die Unterkünfte der Militärs gepflanzt worden war. Damals war er noch ein kleiner Junge gewesen. Dass er dann dort eine Heimat fand, war ein Zufall gewesen. Eigentlich wollte er den Pater nur bestehlen. Doch statt ihn streng zu bestrafen oder gar den Behörden zu übergeben, hatte der Mann mit ihm geredet. Lange und mit einer tiefen Ernsthaftigkeit, die Paul bis zu diesem Zeitpunkt noch niemand geschenkt hatte. Also war er geblieben.
Paul schwankte, fiel, rappelte sich wieder auf. Lief weiter, fiel erneut. Kam auf die Knie, schließlich auf die Füße. Stöhnte, schrie. Lief.
»Was ist mit dir?«
Die Stimme kam Paul vertraut vor. Er sah längst nur noch wabernde Schlieren, die sich vor seinen Augen einen bizarren Wettlauf lieferten.
»Was ist mit dir?«, fragte die Stimme wieder.
Er wusste, dass er antworten sollte. Aber er konnte nicht. Seine Zunge war unendlich schwer geworden. Der Schmerz verhinderte, dass er die Worte formen konnte, die er sagen wollte.
»Bist du auf Glas?«
Wenn der andere glaubte, dass er lediglich unter Drogen stand, würde er ihn hier auf der Stelle liegen lassen. Das würde seinen sicheren Tod bedeuten.
»Der Scherenbaum«, krächzte er mit letzter Kraft. »Ich …«
Dann drehte sich alles um ihn herum. Oben war unten und umgekehrt. Er fühlte sich wunderbar leicht.
Monterubin, ein Koloss von einem Mann, saß unbeweglich hinter den Kontrollen. »Bist du bereit, Junge?«, fragte er so ruhig, als starteten sie gerade zu einem gemütlichen Sonntagsausflug.
Niko Bain nickte, was der andere Riker vor ihm natürlich nicht sehen konnte. »Ja«, fügte er deshalb hastig an. »Vollkommen bereit.«
»Nicht dein erster Flug, oder?«, fragte Monterubin, während er das tropfenförmige kleine Schiff hart beschleunigen ließ. Selbstverständlich wusste Monterubin, der ungekrönte König aller Riker, die sich in diesem System herumtrieben, dass Niko trotz seiner Jugend bereits über ausreichend Erfahrung verfügte. Sonst hätte er ihn garantiert nicht als Ersatz für seinen Co-Piloten an Bord genommen. Niko vermutete, dass ihn der Mann nur ablenken wollte. »Ich habe keine Angst«, sagte er entschieden. »Es ist nicht notwendig …«
»Was notwendig ist, entscheide hier ich«, brummte Monterubin. In seinem schwarzen, ledernen Overall, den seine massige Statur eindrucksvoll ausfüllte, und dem Paar gleichfalls schwarzer Schaftstiefel machte er einen beinahe bedrohlichen Eindruck. Aber Niko besaß Mut. Er hatte tatsächlich keine Angst. Weder vor dem Flug zum Todesmond noch vor Monterubin persönlich.
Der Riker steuerte das Schiff schweigend vom Planeten weg. Er vermied es geschickt, den Militäreinheiten, die vereinzelt im System kreuzten, in die Quere zu kommen. Ihre Macht war lächerlich gering, bedingt durch ihre bescheidene Anzahl, die sich obendrein von Jahr zu Jahr weiter verringerte. Aber auch die Gesetzeslage gab dem Militär kaum eine Handhabe, die Riker an ihrem Tun zu hindern. Dazu hätte schon ein Unglück geschehen müssen, bei dem Unbeteiligte zu Schaden kamen. Doch das war bislang nicht passiert. Niko wusste, dass sie das hauptsächlich, vielleicht sogar ausschließlich den Ments zu verdanken hatten, die in der Station darüber wachten, dass die Strahlen des Todesmondes nicht bis zum Planeten durchdrangen. Um die waghalsigen Riker kümmerten sich die Ments dagegen nicht: Seit vor zehn Jahren die ersten Riker hier aufgetaucht waren, hatte es einhundertvierundachtzig Tote gegeben. Allerdings nicht unter der Bevölkerung des Planeten. Damit waren den Militärs die Hände gebunden. Einen Selbstmord konnten sie niemandem verbieten.
»Bist ein vorlauter Bursche, Bain«, unterbrach Monterubin seine Gedanken. Niko erwiderte lieber nichts. Er hatte sich mit seinen letzten Worten schon weit genug aus dem Fenster gelehnt.
»Allerdings nicht untalentiert, wie ich höre.«
Niko nickte nur, gab aber immer noch keine Antwort.
Das Schiff schoss jetzt mit Maximalgeschwindigkeit in Richtung Todesmond. Es war nur zehn Meter lang und an seiner höchsten Stelle vier Meter hoch. Fast der gesamte Platz im Inneren wurde vom Antrieb ausgefüllt. Es gab keine Waffen und lediglich Raum für zwei Mann Besatzung, die sich auf ihren Sitzen eng hintereinander drängten, von unzähligen Instrumenten umgeben, die sie für den Flug benötigten.
»Es ist natürlich etwas anderes«, sagte Monterubin wie zu sich selbst, »ob man nur der zweite Mann an Bord ist oder selbst auf dem Pilotensitz die wichtigen Entscheidungen trifft. Ich will deine Leistungen nicht zu gering einschätzen, Bain, aber noch hast du dich nicht wirklich bewährt.«
Niko atmete tief durch. Was wollte ihm Monterubin damit sagen?
»Ich könnte mir vorstellen, dich einmal fliegen zu lassen.«
Er war sprachlos. Das hatte er nicht erwartet.
»Nicht heute natürlich«, schränkte Monterubin sofort ein. »Heute geht es um zu viel.«
Niko wusste um den Einsatz, der im Topf lag. Die beiden Riker, die Monterubin zu diesem Flug herausgefordert hatten, waren bereit gewesen, eine Unsumme aufs Spiel zu setzen. Umso verwunderlicher, dass ausgerechnet er als Ersatz für Monterubins Co-Piloten einspringen durfte. Für ihn selbst war das ein kaum fassbarer Glücksfall – wenn alles glatt ging.
»Mach deine Sache gut«, sagte der Riker. Es war vermutlich als Aufmunterung gemeint, aber es klang gleichzeitig wie eine Drohung. Denn Versagen konnte den Tod bedeuten.
»Ich werde mein Bestes geben.« Er versuchte, seiner Stimme einen festen Klang zu verleihen, obwohl er jetzt doch innerlich vor Aufregung zitterte.
»Wollen wir hoffen, dass es ausreicht, Bain. Nach dem Flug sehen wir weiter.«
Falls es ein Nachher gibt, dachte Niko. Auch wenn an Monterubins Seite eigentlich nichts schiefgehen konnte, blieb bei diesen Abenteuern immer eine Spur der Ungewissheit. Genau das machte sie so reizvoll. Heute, bei seinem zwölften Flug zum Todesmond, stand besonders viel auf dem Spiel. Mehr als je zuvor. Auch für die beiden Herausforderer, die sich deshalb umso mehr anstrengen würden, den großen Monterubin zu schlagen
Der Riker peitschte das Tropfenschiff weiter vorwärts. »Wie sieht es aus, Bain?«
Niko begriff, dass die Unterhaltung beendet war. Jetzt begann der Einsatz für ihn wirklich. Er warf einen schnellen Blick auf die Anzeigen. Die zwei anderen Riker hatten völlig unterschiedliche Routen gewählt. Gemeinsam war allen dreien nur der exakt zeitgleiche Start vom Raumhafen am Rand von Basis-2.
»In Ehmigs Weg lagen bislang noch keine Militärschiffe«, sagte er.
»Er hat die Spitze?«
Niko verstand: keine Ausreden, um Monterubin zu besänftigen. Er musste sofort auf den Punkt kommen, mit allem, was er sagte.
»Er liegt derzeit sogar ordentlich in Front. Scorner dagegen ist deutlich abgeschlagen. Er wird uns nicht mehr gefährlich werden. Zu viel Verkehr, zu wenig Maschinenkraft, so wie ich das sehe.«
»Ehmigs Route?«
»Er hat Glück. Das einzige Wachschiff, das ihm normal im Weg wäre, verspätet sich deutlich. Darauf muss er keine Rücksicht mehr nehmen.«
»Mistkerl. Hat es doch tatsächlich geschafft, einen Soldaten zu bestechen.« Monterubin knurrte wütend. Dann sagte er: »Respekt.«
Es war keine gute Empfehlung für Nikos Zukunft, wenn ausgerechnet er bei Monterubins erster Niederlage assistierte. »Was können wir tun?«, fragte er, während er auf den Anzeigen sah, dass der Tropfen bereits mit Vollschub durchs All raste.
Monterubins Finger trommelten einen quälend langsamen Rhythmus aufs Instrumentenpult. »Keine Idee, Bursche?«
Niko überlegte krampfhaft, doch ihm wollte nichts einfallen. Und langsam wurde es eng. Es war nicht unbedingt das Ziel des Wettbewerbs, als Erster den Todesmond zu erreichen. Stattdessen wurde peinlich genau angemessen, welches Schiff dem Mond am nächsten kommen konnte, ohne dabei selbst die tödliche Welle auszulösen. Genau das war das entscheidende Kriterium. Natürlich musste man auch den Rückweg heil überstehen. Ohne wieder bei Basis-2 gelandet zu sein, wurde man nicht zum Gewinner des Duells.
Niko starrte ratlos auf sein Pult. Folgte dem Kurs von Ehmigs Tropfen, der dieses Rennen zu gewinnen schien. Verlängerte ihn im Geist. Sah etwas. Machte sich hektisch an den Instrumenten zu schaffen.
Das blieb Monterubin nicht verborgen. »Was tust du?«, wollte er wissen.
Niko quetschte nur ein »Moment« zwischen den Zähnen hervor.
Die kleine Boje schwebte mitten im Raum. Gut, dass er sich immer ordentlich auf die Flüge vorbereitete. So wusste er, dass das nur zwei Meter durchmessende Objekt Teil eines alten, inzwischen außer Betrieb genommenen Warnsystems war, mit dem man einst versucht hatte, die Vorwarnzeiten vor den Angriffen vom Todesmond zu verkürzen. Niko hatte doppelt Glück: Es gelang ihm mühelos, die Steuerung des primitiven Computers zu übernehmen. Und kurz darauf stellte er fest, dass die Kommunikationseinrichtungen der Boje noch funktionierten.
»Nicht erschrecken«, sagte er. »Gleich wird die Hölle los sein. Einfach weiterfliegen, alles ignorieren.« Er aktivierte den Funkspruch, der in derselben Sekunde die Boje verließ. Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Im ganzen System würden in diesem Moment die Alarmsirenen schrillen. Er stellte sich Ehmigs Zorn vor, wenn ihm ausgerechnet jetzt, in dem Moment, in dem er dem Triumph so nahe war, die Warnung entgegenschallte.
»Hast du das ausgelöst?«, fragte Monterubin nur.
Niko konnte sehen, dass Ehmigs Tropfenschiff im gleichen Augenblick langsamer wurde. Die Anzeigen verrieten, dass er heftig Gegenschub gab. Er war auf den Trick hereingefallen. Monterubin hatte nicht abgebremst. »Du bist wirklich ein schlauer Bursche«, sagte er. Ihrem Sieg stand nun nichts mehr im Wege.
Sie erreichten die kritische Grenze zum Todesmond als Erste – weit vor den beiden anderen Tropfen, kurz bevor die tödliche Welle ausgelöst wurde. Damit wurde es für die Konkurrenten unmöglich, noch näher heranzukommen. Niko konnte die Welle selbstverständlich nicht sehen, aber er las die Gefahr am Ausschlagen seiner Instrumente ab. Wie immer lief ihm in diesem Moment ein Schauer über den Rücken. Jetzt ein Defekt des Triebwerks. Ein unvorhergesehenes Ereignis. Etwas …
Monterubin flog wie der Teufel persönlich. Und die Welle jagte ihnen hinterher.
»Jetzt.«
Rhode Marotta gab den Befehl, Vin Ellis gehorchte.
Der Ment schloss die Augen und öffnete seinen Geist. Er benötigte keine Sekunde, um sich zu orientieren. Ellis sah, und er fühlte. Die tödliche Welle raste heran. Sie bestand aus purem Hass. Ihre Spur, ein Korridor, der sich kegelförmig ausbreitete, verfärbte die Schwärze des Weltraums von einem Moment auf den anderen blutrot. Ellis glaubte zu spüren, wie das All unter dieser Wucht vibrierte. Er wusste, dass das Unsinn war. Und doch …
Noch war die Welle nicht heran. Das gab ihm Zeit, nach den Rikern Ausschau zu halten. Drei dieser Wahnsinnigen hatten es heute gewagt, sich dem Todesmond zu nähern. Ihre winzigen Schiffe, teuflisch schnell und unerhört wendig, leuchteten in Ellis’ Wahrnehmung grün. Einer von ihnen musste den Fehlalarm ausgelöst haben, der eben noch kurzfristig für Verwirrung im System gesorgt hatte. Natürlich hatte es sich nur um einen Trick gehandelt, um die beiden anderen Riker zu irritieren. Ein guter Einfall – aus der Sicht dieser Verrückten.
Rasch rekonstruierte Ellis aus den vorliegenden Daten ihre Flugbahnen. Einer der Riker hatte beinahe die kritische Distanz unterschritten, die beiden anderen hatten es nicht so weit geschafft. Grundsätzlich respektierten sie keinerlei Anweisungen, auch nicht die strikte Anordnung, den Todesmond überhaupt nicht mehr anzufliegen. Marottas Worte verhallten ohne Resonanz. Das lag an den fehlenden Druckmitteln: Dem Leiter der Station waren angesichts der geringen militärischen Präsenz im System die Hände gebunden. Immerhin scheuten sich die Riker noch, die Welle selbst auszulösen. Sie warteten nur, bis diese von allein kam.
Ellis verfolgte den Weg eines der Riker. Mehr als nur einmal hatte er sich schon gewünscht, selbst in einem der atemberaubend schnellen Schiffe zu sitzen und es zu lenken, so widersinnig das auch war. Du stehst auf der anderen Seite, sagte ihm sein Gewissen dann. Zwar waren die Riker nicht der Feind. Aber sie sind ein Ärgernis. Trotzdem bewunderte Ellis diese tollkühnen Piloten.
Er sah, dass die Riker es schaffen würden. Sobald die Schiffe einmal ihre Maximalgeschwindigkeit erreicht hatten, konnte die Welle sie nicht mehr einholen. Kritisch war lediglich der eine Moment, in dem sie die erlaubte Distanz zum Todesmond fast unterschritten. Unter Rikern gehörte es zum besonderen Nervenkitzel, so nahe wie nur möglich an den Trabanten heranzufliegen. Das ging meist gut, manchmal aber auch furchtbar schief. Ellis hatte es schon miterlebt, mehr als einmal. Er hatte die Schreie der sterbenden Piloten hören können. Dann verwünschte er sie für das, was sie taten.
Doch heute würde niemand sterben. Die Welle kam heran, Ellis stellte ihr seine Barriere entgegen – noch weit vor der Station und weit genug vom Planeten entfernt, den sie schützten. Er spürte, dass die anderen Ments ebenfalls aktiv wurden. Ihr Geist vereinigte sich, und ihre gemeinsamen Kräfte bauten sich, einer undurchdringlichen Mauer gleich, vor der Welle auf. Sie brandete hart gegen den Schirm. Kurz befürchtete Ellis, dass sich doch eine Lücke auftun könnte. War da nicht ein leises Flackern? Zeit für die stille Reserve? Nein. Die Barriere hielt. Die tödliche Welle prallte wirkungslos von ihr ab.
Dann war es vorbei. Die Urgewalt verebbte, die Gefahr existierte nicht mehr. Ellis öffnete die Augen und atmete erleichtert auf. Er wischte sich feine Schweißperlen von der Stirn. So souverän er seinen Beitrag zur Abwehr des Angriffs geleistet, und so sehr ihn dabei das altbekannte Hochgefühl durchströmt hatte – jetzt fühlte er die Erschöpfung. Jeder Einsatz dieser Art zehrte nicht nur an seinen geistigen, sondern auch an seinen körperlichen Kräften. Doch die Ruhepausen würden nicht größer werden. Die Attacken des Todesmondes kamen in einer beängstigenden Regelmäßigkeit.
»Die drei Riker sind entkommen. Unbeschädigt.« Das war Mikkelsen, der an den konventionellen Ortungsgeräten saß.
Marottas Antwort klang barsch. »Interessiert mich nicht. Status auf der Station?«
Ellis hörte die Stimmen wie durch Watte. Er musste sich hinlegen. Schlafen. Trotzdem harrte er noch in seinem Sessel aus. Er war gespannt, in welche Richtung sich der Ärger des Kommandanten entladen würde.
»Alle Werte im grünen Bereich«, antwortete Mikkelsen, der sich durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Ellis konnte aus seinen Worten förmlich hören, wie er sanft lächelte. »Es ist nichts durchgekommen. Weder zur Station noch zum Planeten. Im Moment des Aufpralls blieb die Barriere stabil. Allerdings …«
»Nicht ganz«, blaffte Marotta. »Sie haben das kurze Flackern bemerkt, oder?«
Mikkelsen nickte. »Das Phänomen ist bekannt. Die Qualität der mentalen Strahlung verändert sich langsam, fast unmerklich. Wir …«
»Dauer?«
Ellis beugte sich gespannt vor, während Mikkelsen die Daten ablas. Er hatte das Flackern natürlich auch wahrgenommen. Es war nicht das erste Mal gewesen. Seit einigen Wochen stellte es sich bei jeder Attacke ein, die vom Todesmond kam. Keiner der Ments zeigte sich deshalb jedoch sonderlich beunruhigt, wie er aus den Gesprächen mit den anderen erfahren hatte. Sie trauten sich alle zu, die Barriere auch weiterhin stabil zu halten und sowohl die Station als auch den Planeten vor der tödlichen Welle zu schützen. Und falls die Lage tatsächlich eines Tages kritisch werden sollte, gab es immer noch die stille Reserve. Auch wenn Ellis davor beinahe mehr Angst hatte, als vor den Angriffen der seltsamen Wesenheit, deren Motivation bis heute niemand verstehen konnte. Über die wir eigentlich nichts wissen, nicht das Geringste.
»Weniger als eine Sekunde.«
»Genauer.«
Marotta war regelrecht besessen, was diese minimale Störung anging. Der Kommandant stand jetzt bei Mikkelsen und schaute ihm über die Schulter. Er war eine imposante Erscheinung mit seinen fast zwei Metern Größe. Im Moment konnte er seinen Zorn noch mühsam beherrschen. Oft aber brach diese Wut unkontrolliert aus ihm heraus.
»0,8347 Sekunden.« Mikkelsen konnte so leicht nichts erschüttern, nicht einmal Marotta. Der Soldat an den Ortungsgeräten war auch in diesem Augenblick die Ruhe selbst.
»Das ist …«
»… 0,0002 Sekunden mehr als bei der letzten Attacke.«
»Die sich …«
»… vor genau sechsundzwanzig Stunden, achtunddreißig Minuten und vierundfünfzig Sekunden ereignet hat.«
»Der Rhythmus hat sich nicht verändert.«
»Nur die Dauer des Flackerns erhöht sich stetig, wenn auch minimal«, bestätigte Mikkelsen.
Marottas Finger krallten sich in das Polster des Sessels, in dem Mikkelsen saß. Aber der Zorn war aus seiner Stimme verschwunden.
»Wann?«, fragte er.
Mikkelsen zuckte mit den Schultern. »Wann – was?«
»Wann das Flackern zu einer Gefahr für uns wird«, mischte sich Ellis ein. »Wann die Barriere instabil wird.« Es war nicht seine Art, sich in den Vordergrund zu drängen. Eigentlich hatte er den Mund halten wollen. Aber jetzt war es heraus.
Das Gesicht des Kommandanten verdüsterte sich. Seine buschigen Augenbrauen zogen sich zusammen, sodass sie eine wellige Linie bildeten. »Richtig … Ellis, richtig.« Er schnaufte. »Sie haben es gehört, Soldat. Wo bleibt die Antwort?«
»Das wird …«
»… hoffentlich nicht allzu lange dauern. Beten Sie, falls Sie an einen Gott glauben, dass Sie mir das Ergebnis schneller vorlegen, als die Macht auf dem Todesmond die Barriere überwindet.«
»Und dann?« Ellis fragte sich, was heute mit ihm los war. Forderten die regelmäßigen Einsätze langsam ihren Tribut? Wurde er zu müde, brauchte er eine längere Erholung? Schlechter Zeitpunkt, dachte er.
Marotta zog die Augenbrauen hoch. »Dann haben wir ein Problem, Ment Ellis. Dann müssen wir darüber nachdenken, was wir tun können, um uns zu schützen, und vor allem natürlich alle Lebewesen in diesem System. Dann müssen wir vielleicht zum letzten Mittel greifen, das uns noch bleibt.«
Die stille Reserve, dachte Ellis. Aber dieses Mal hatte er sich im Griff und blieb stumm.
»Andrade?«, sagte Mikkelsen. »Sie wollen ihn wieder einsetzen?«
Der Soldat hatte Angst. Das war kein Wunder: Vin Ellis hatte ebenfalls Angst. Er war damals dabei gewesen.
Freda Bendit stand vor dem Grab des Paters. Ein schlichter Gedenkstein, der seinen Namen und das Datum seines Todes trug. Wann der Pater geboren worden war, wusste niemand. Davor eine einzelne Blume, die sie vorgestern hier niedergelegt hatte, eine Rheso, deren rötliche Blüten schon verblassten. Auch die Blätter waren welk geworden, trotz oder vielleicht auch gerade wegen des allgegenwärtigen Regens. Sie würde eine neue mitbringen müssen, wenn sie das Grab das nächste Mal besuchte. Falls ihr das überhaupt noch möglich sein würde.
Du solltest dich nicht selbst belügen. Freda schüttelte den Kopf. Es würde kein nächstes Mal geben.
Sie blickte hinüber zum Scherenbaum, der am Rand des Friedhofs stand, und musste an Paul denken, der eine ganz besondere Beziehung zu diesem Baum gehabt hatte. Ob er jemals wieder erwacht?, fragte sie sich. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie den Glauben daran fast verloren. Natürlich wollte sie, dass er endlich das Bewusstsein wiedererlangte. Aber die Hoffnung hatte sie eigentlich längst aufgegeben.
»Paul …«
Er war immer ein bisschen seltsam gewesen. Von seinen Eltern hatte er nie gesprochen. »Ich kenne sie nicht«, sagte er stets, wenn sie ihn danach fragte. Freda glaubte, dass das gelogen war. Aber mehr ließ er sich nicht entlocken. Da half alles Drängen nichts.
Paul war in der Mission aufgewachsen, der Pater war ihm Mutter und Vater zugleich gewesen. Freda wusste es nicht genau: Doch aus dem Wenigen, was ihr Paul und der Pater erzählt hatten, war sie zu der Erkenntnis gelangt, dass Paul mit sieben Jahren in der Mission gelandet sein musste. Als das Unglück geschah, war er zehn Jahre älter gewesen. Doch statt sich freiwillig zur Flotte zu melden, mit den Rikern das Abenteuer im All zu suchen oder irgendeinen anderen Unsinn anzustellen, lag er im Koma. Seit einem Jahr. Nichts hatte sich an seinem Zustand verändert. Nicht das Geringste. Und niemand wusste, was eigentlich genau geschehen war. Fredas eigene Untersuchung hatte ergeben, dass Paul von einer Fruchtkapsel des Scherenbaums getroffen worden war. Eine Verletzung, die eigentlich tödlich sein musste. Paul war nicht bei Bewusstsein, aber er lebte. Was unterschied ihn von den anderen Opfern des Scherenbaums? Darüber hatte sie nichts herausfinden können.
»Paul …«, sagte sie wieder. Ihre ganze Hilflosigkeit lag in diesem einen Wort. Er würde sterben, und sie konnte nichts dagegen tun.
Sie schloss die Augen, dachte noch einmal kurz an den Pater, drehte sich dann um und ging. Freda Bendit hatte die Mission einst aus reiner Neugier aufgesucht. Sie war nie besonders gläubig gewesen, aber dieser Ort hatte sie auf eine Art und Weise angezogen, die auch für sie selbst nur schwer in Worte zu fassen war. Der Pater hatte sie in seiner Mission empfangen, wie er das mit jedem anderen tat, und keine überflüssigen Fragen gestellt. Seine Art, wie er mit ihr gesprochen hatte, war immer unaufdringlich gewesen. Sie hatte aus diesen Gesprächen Kraft geschöpft, die ihr im Alltag half. Bald hatte sich Freda in der Mission heimisch gefühlt. Der Pater lag ihr am Herzen, weil sie ihm dankbar war. Sie unterstützte ihn, wo sie konnte. Und natürlich war auch Paul ein Grund für ihre regelmäßigen Besuche dort. Der stille Junge, der am liebsten gedankenverloren in den Himmel starrte. Freda wollte herausfinden, was in ihm vorging. Sie hatte es nie erfahren. Nicht einmal andeutungsweise.
Der kleine Friedhof befand sich nicht weit hinter den letzten Häuserblöcken von Basis-2. Dort lag auch die Mission, zu der sie jetzt ging. Vielleicht mein letzter Besuch. Sie fürchtete sich davor. Der Abschied von Paul war auch ein Abschied von dieser Stadt und dem ganzen Planeten – von ihrem kompletten bisherigen Leben.
Geboren in Basis-2, gelebt in Basis-2 …
Immer mehr Truppen wurden von dieser Welt abgezogen, hin zu den neuen Krisenpunkten draußen im Weltall, an denen das Militär dringlicher benötigt wurde. Jetzt war auch Freda Bendit an der Reihe. Im Hospital, in dem sie arbeitete, gab es ohnehin praktisch nichts mehr zu tun. Anderswo schon.
Sie hatte versucht, sich zu trösten: Auf dieser Welt wurde es ohnehin zu gefährlich. Nicht wegen der Kotmun. Die hatten in diesem Sektor der Galaxis lange nichts mehr von sich hören lassen. Die Fronten des Krieges befanden sich heute weit weg. Viele Menschen sorgten sich wegen des Todesmondes. Eines Tages würde er das Leben auf diesem Planeten auslöschen. So hieß es, auch von offizieller Seite. Trotzdem konnte sich Freda nicht mit dem Gedanken anfreunden, von hier Abschied zu nehmen. Sie wollte bleiben, war aber in ihrer Entscheidung nicht frei.
Freda ging langsam durch den stetig herabfallenden Regen, ließ den Friedhof hinter sich, erreichte den Rand der Stadt. Ihr wurde bewusst, wie sehr sich Basis-2 verändert hatte. Sie konnte sich noch gut an früher erinnern. Damals waren hier praktisch nur Soldaten gewesen, außer ihnen und ihren Familien hatte niemand auf dem Planeten gelebt. Das war auch einige Zeit nach dem einzigen Angriff der Kotmun auf das System noch so geblieben. Doch dann häuften sich die Meldungen aus anderen Krisenregionen, dass dort erbittert gekämpft wurde. Ein Soldat nach dem anderen wurde abgezogen, ein Schiff nach dem anderen verließ Basis-2 und verschwand auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Alls. Dafür kamen andere. Die Riker, die das Abenteuer und den Nervenkitzel suchten. Hier fanden sie ihn. Nichts war so gefährlich wie ein Flug zum Todesmond.
Eines hatte sich allerdings nicht geändert: Die Ments, diese kleine Schar von Menschen, die auf Freda Bendit immer einen unheimlichen Eindruck gemacht hatten, obwohl sie keinen einzigen persönlich kannte, waren hiergeblieben, sorgten für die Sicherheit und wehrten auch weiterhin Angriff um Angriff ab. Präzise wie Maschinen. Freda fragte sich oft, ob die Ments noch Menschen waren. Die unheimlichen Fähigkeiten dieser sonderbaren Lebewesen weckten Furcht in ihr. Die Ments hinter sich lassen zu können, war vielleicht der einzig wirklich positive Aspekt am Abschied von Basis-2.
Die Häuser, die sie jetzt passierte, machten keinen guten Eindruck. Hier lebten schon lange keine Soldaten mehr. Das Militär hatte seine Quartiere inzwischen in unmittelbarer Nachbarschaft des kleinen Raumhafens. Allzeit bereit, dachte Freda. Und das, obwohl niemand ernsthaft mit einem neuerlichen Angriff der Kotmun auf das System rechnete.
Im Gefolge der Riker waren dafür Menschen und Angehörige anderer Völker aus allen Winkeln der Galaxis nach Basis-2 gekommen. Wer das Risiko nicht scheute, hatte sich hier niedergelassen und genoss den Nervenkitzel der Welle des tödlichen Hasses, die fast täglich vom Todesmond losgeschickt wurde.
Freda näherte sich der Mission, einem kleinen, unscheinbaren Gebäude zwischen zwei hohen Häuserblöcken. Die Tür stand offen. Obwohl der Pater nicht mehr lebte, kamen immer noch viele hierher. Weil sie kein Zuhause hatten oder sich hier einfach geborgener fühlten als anderswo. Freda sah Rother, den dreiäugigen Thaji, der vor einem uralten Bildschirm saß und vermutlich wieder im beträchtlichen Fundus der digitalen Bibliothek des Paters stöberte. Einen Raum weiter waren der immer fröhliche Lockenkopf Trewas und Moseyl, der Coparr, in ein Gespräch vertieft. Freda nickte allen freundlich zu, verspürte aber keine Lust, sich mit einem von ihnen zu unterhalten. Ihr Ziel lag ein Stockwerk höher.
»Ich hatte nicht mehr mit dir gerechnet«, sagte Niko. Der junge Riker saß am Fuß des Bettes, in dem Paul seit einem knappen Jahr lag.
»Hast du mich vermisst, Bain?« Freda konnte den Burschen nicht leiden. Das ließ sie ihn auch spüren. Schön und gut, dass er sich ebenfalls um Paul kümmerte, wenn er die Zeit dafür fand. Aber sein arrogantes Gehabe ging ihr auf die Nerven. Er hielt sich für unschlagbar klug – und war gerade einmal halb so alt wie sie.
»Natürlich«, sagte er.
Sie ignorierte ihn. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Anzeigen der Medo-Einheit, die Paul am Leben hielt. Unverändert.
»Wir müssen reden«, sagte Niko.
»Lass mich in Ruhe, Bain. Verschwinde.« Sie reagierte heftiger, als sie es beabsichtigt hatte. Der Riker konnte schließlich nichts dafür, dass Freda Basis-2 morgen verlassen würde. Und er trug auch nicht die Schuld, dass Paul unweigerlich sterben würde. Hier in diesem trostlosen Zimmer.
»Haben wir damals falsch gehandelt?«, fragte sie unvermittelt. »Hätten wir …« Sie verstummte.
»Das Hospital?« Niko Bain wusste, was Freda sagen wollte. Er schüttelte den Kopf. »Niemand weiß es besser als du: Sie hätten ihn nicht aufgenommen. Oder ihm nicht geholfen. Du hast selbst gesagt …«
Sie hasste die Wahrheit, aber sie hatte diese Antwort herausgefordert. »Vielleicht …«
»Nein, Freda, absolut nein. Erinnerst du dich an unsere Überraschung, als wir herausfanden, dass Paul nicht registriert ist? Dass er in den offiziellen Daten überhaupt nicht existiert? Vielleicht hätte das den Ehrgeiz der Ärzte angestachelt – aber höchstens ihren Forschungseifer. Sie hätten ihn nicht gerettet. Sie hätten keinen Finger für ihn gekrümmt. Versucht, seine Identität zu klären. Mehr aber nicht.«
»Ich …«
Der Riker war jetzt aufgestanden und baute sich vor ihr auf. In seiner schwarzen Ledermontur, die er Tag und Nacht trug, wirkte er beinahe so, wie er immer vorgab zu sein. »Das hier war die beste Lösung für ihn. Wenn du nicht den Medo organisiert hättest, wäre Paul längst tot.«
Fredas Augen brannten. Sie fühlte, dass sie jeden Moment anfangen würde zu weinen. Eine Blöße, die sie sich nicht ausgerechnet vor Niko Bain geben wollte. Sie wandte sich ab, starrte in die Ecke. Mit tonloser Stimme sagte sie: »Er stirbt ohnehin. Er stirbt langsam, aber er stirbt.«
Niko setzte sich wieder. »Ja«, sagte er düster. »Du hast recht. Darüber wollte ich mit dir reden.«
Jetzt sah sie zu ihm hin. Sein kantiges Gesicht zeigte keine Regung. Von seiner üblichen Arroganz konnte Freda keine Spur entdecken.
»Was sollen wir tun?« Diese Frage verriet seine ganze Hilflosigkeit.
»Ich …« Freda wusste, dass sie jetzt mit der Wahrheit herausrücken musste. Auch wenn das die Lage nicht besserte. »Ich werde Basis-2 verlassen. Morgen.«
»Wohin gehst du?« Niko schien nicht zu verstehen, was sie ihm sagen wollte.
»Nach Present.«
»Present?« Er begriff. »Das ist dreitausend Lichtjahre weit weg.«
Sie nickte. »Sogar noch ein kleines bisschen weiter«, sagte sie bitter. »Aber ich habe keine Wahl. Ich bin hier, um mich von Paul zu verabschieden. Ich kann nicht bleiben.«
»Du gehst?«
Sie nickte wieder.
»Und Paul?«
Freda schwieg. Auch Niko sagte nichts. Die Stille schien sich endlos auszudehnen.
»Ich …«
»Was?«, fragte Niko aggressiv.
»Ich dachte …«
Freda schaute hinüber zu der Medo-Einheit. Die Anzeigen hatten sich verändert. Schnell trat sie ans Pauls Bett. In sein Gesicht war das Leben zurückgekehrt.
»Er erwacht«, sagte sie fassungslos. »Paul erwacht.«

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