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Nadine Boos - Tanz um den Vulkan

Nadine Boos - Tanz um den Vulkan

D9E Band 17, Paperback, 264 Seiten                                                    
Artikelnummer:  
783955561260
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Trixis Flucht vor der Verantwortung ist endgültig gescheitert. Ob es ihr passt oder nicht, muss sie nun die Geschicke Andesits lenken und sich zügig etwas einfallen lassen, denn die Hondh stehen nicht etwa säbelrasselnd vor den Toren Andesits, sie haben ihre Finger bereits nach den Tiefen des Ozeans ausgestreckt.
Um ihre Heimatwelt zu retten, schickt Trixi die Skolopendra auf eine tödliche Mission: Auf die Suche nach dem Ursprung der Hondh.

 

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Nadine Boos



Nadine Boos, geboren 1981 in Südwestdeutschland, lebt mittlerweile mit ihrer Familie an der Grenze zur Elfringhauser Schweiz. Sie hat Informationswirtschaft studiert und arbeitete mehrere Jahre lang in öffentlichen Bibliotheken.
Sie wurde mehrfach mit Kurzgeschichten für den Kurd Laßwitz-Preis, den Deutschen Science Fiction-Preis und den Deutschen Phantastik Preis nominiert.
 

Vier Monate später

Berenike

Wie sehr sie das Meer hasste.
Und fürchtete.
Wie hilflos sie ihm ausgeliefert war.
Es gab kein Entkommen.
Auch nicht, wenn sie schneller rannte.
Die Tunnel der untermeerischen Stadt Unter-Vik hüllten sie ein wie ein gläserner Sarg. Was immer sie versuchte, es war für sie unmöglich, vor dem Meer und seinen düsteren Tiefen zu fliehen. Doch obwohl sie das wusste, war es Berenike nicht möglich, sich ihm einfach zu ergeben. Sie konnte und wollte nicht hinnehmen, wie untrennbar ihr Leben mit den rauen, unfreundlichen Wogen ihres Heimatplaneten verknüpft war. Dabei hätte sie den Kampf gar nicht erst beginnen sollen. Das Imperium ihrer Familie existierte schließlich seit jeher auf verschieden großen und kleinen Inseln des Planeten Andesit, den man zurecht als blau bezeichnen konnte. Er besaß keine riesigen zusammenhängenden Landmassen, dafür umso mehr salziges Wasser und Vulkane. Die Inselgruppen im Norden wurden seit der Kolonialisierung von den Darjeelings beherrscht, die im Süden von den Libericas. Als Mitglieder des Konsortiums, das zweiundvierzig Sternsysteme umspannte, die jeweils unter der Kontrolle einer Familie standen, hatten sie sich nie mit Waffengewalt bekämpft. Denn nachdem die meisten einheimischen Völker unterworfen worden waren, ging es in diesem, bis vor Kurzem vom Rest der Menschheit abgeschotteten Refugium um wirtschaftliche Vorherrschaft. Vor vier Monaten hatte Berenikes erstgeborene Tochter Trixi den Erben der bis dahin konkurrierenden Libericas, Karolus, geehelicht, und war zur Matriarchin aufgestiegen. Damit stand der Planet nun zum ersten Mal unter einer Herrschaft. Eigentlich gute Voraussetzungen für einen weiteren wirtschaftlichen Aufstieg. Doch es gärte im Untergrund. Sie hatten bereits ein Attentat auf die alte Matriarchin abgewehrt, aber obwohl der Drahtzieher, ein Gebietsverwalter namens Hagmund Grasser, dingfest gemacht werden konnte, war das Nest der Verschwörer noch lange nicht ausgehoben.
Ausgerechnet Trixi soll das alles richten, dachte Berenike.
Trixi, die sich bei jeder Gelegenheit mit ihren Mechanikern auf dem Schrottplatz herumgetrieben hatte, anstatt das Regieren zu lernen. Trixi, die den Kopf voller Abenteuer hatte wie ein kleines Kind. Trixi, die durch ihren spektakulären und spektakulär verunglückten Fluchtversuch zufällig Kontakt mit einer völlig unbekannten Zivilisation aufgenommen hatte. Ausgerechnet in ihren Händen lag in dieser schwierigen Zeit die Verantwortung.
Niemand kann vor der Verantwortung fliehen. Trixi nicht und ich ebenfalls nicht.
Sie erinnerte sich nicht gerne zurück, aber auch Berenike hatte eine Zeitlang jede Gelegenheit zur Flucht genutzt, denn in ihrer Heimat gab es nur wenige Orte, an denen die Luft nicht nach Salz roch. Doch die Pflicht hatte auch sie wieder zurückgeführt. Jene Pflicht, wegen der sie nun unter den Wellen dieses verhassten Ozeans leben musste.
Verdammte Pflicht! Verdammte Verantwortung!
Sie legte weiter an Tempo zu, obwohl sie bereits an ihrer Leistungsgrenze lief. Ihr Puls hämmerte, die Lunge pfiff. Das war der Moment, den sie beim Laufen herbeisehnte, denn endlich übertönte der Körper alle Geräusche, fuhr alle Sinne auf ein Minimum zurück, um Energie zu sparen und sich voll auf sich selbst zu konzentrieren. Um zu überleben.
Ohne diese raren Minuten, da war Berenike sich sicher, wäre sie hier zugrunde gegangen. Morgen für Morgen forderte sie sich aufs Neue, um diese kostbare Kraft zu tanken. Immer kurz vor Sonnenaufgang, wenn kaum ein Mensch oder Andesit zu sehen war, raffte sie ihren geschundenen Körper zusammen und rannte. Sie lebte für den Moment, in dem sie das ständige Rauschen der Wellen nicht mehr hören musste, in dem ihr Blick zusammenschnurrte und sie die durchsichtigen Tunnel von Unter-Vik und das düstere Meer dahinter nur noch als schattenhafte Umrandung ihrer Welt wahrnahm. Die Luft roch nicht mehr nach brackigem Meerwasser und selbst der Boden, dieses kunstvoll wie kleine Schuppen geformte Gitter, das den luftgefüllten Teil des Tunnels von der unteren, wassergefüllten Hälfte trennte, hörte ganz kurz auf zu schwanken.
Jeder schmerzende, verdammte Atemzug bedeutete Freiheit und Leben. Und das war den Zusammenbruch wert, der prompt darauf folgte.
Berenike hustete, dann fiel sie einfach aus vollem Lauf heraus auf die Knie und rang nach Atem. Heute hatte sie es übertrieben. Wieder einmal. Ihr war so schwindlig, am liebsten hätte sie sich an Ort und Stelle die Seele aus dem Leib gekotzt. Aber das gehörte nicht zu ihrem Stil. Berenike nahm keine Niederlagen hin. Die Narbe unter ihrem linken Arm brannte und erinnerte sie wieder daran, weshalb sie seit fürchterlichen vier Monaten hier war. Man hatte ihr bei der Gewerkschaftsversammlung eine Falle gestellt, in die sie törichterweise getreten war. Dabei hatte sie ihren GeheimGraphen Mahel verloren und um ein Haar noch ihr eigenes Leben. Als Chefin der Sicherheit hätte ihr niemals ein solcher Fehler passieren dürfen.
Was für ein Glück, dass in dieser Niederlage auch die Saat für einen Neuanfang gelegen hatte. Denn seither galt sie offiziell als tot und außer ihrem Mann und ihrer Mutter wusste niemand, wo sie sich befand. So hatte sie aus einer Dummheit heraus neue Karten in die Hand bekommen.
Die Schusswunde, die sie sich zugezogen hatte, war gut verheilt. Es wurde allmählich Zeit, dass Berenike mit dem Davonlaufen aufhörte und dieses Ass im Ärmel auch nutzte. Denn nun konnte sie die unzufriedene Bevölkerung im Auge behalten und hoffentlich auch die Verschwörer. Denn alles deutete darauf hin, dass Grasser bereits vor vielen Jahren Kontakt zu den Hondh aufgenommen hatte oder die Hondh zu ihm.
Berenike kniff die Augen zusammen. Allmählich ging das Drehen des Schwindels in das vertraute, unsanfte Rollen der Brandung über. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, weshalb man eine Stadt, die zu einem großen Teil unter Wasser existierte, nicht im Freiwasser, sondern nah an die Küste gebaut hatte. Noch dazu an die zerklüfteten Flanken eines Vulkans, an denen sich die Strömungen brachen und das Meer stets unruhig war. Die flexible Stadt-Konstruktion war in ständiger Bewegung, die Tunnel bogen sich sanft und die Stadt trieb herum wie ein mäßig verankertes Stück Tang. Wahrscheinlich hatte das Vorteile, die sich der eisernen Landbewohnerin Berenike noch immer nicht erschlossen. Vielleicht brauchte es die Kraft der Brandung, um stets die Gänge durchzuspülen und die Gezeiten erledigten die Energieversorgung. Möglicherweise genossen die Andesiten auch dieses Geschaukel.
Auf Berenike traf das jedenfalls nicht zu.
Ihr Blick war stur auf das Bodengitter gerichtet, ihr Gleichgewichtssinn rotierte. Heute war das Meer noch unruhiger als sonst, das spürten sie und ihr Magen. Selbst hier, in den tiefsten Tunneln der Stadt, folgte das Wasser nicht der behäbigen, kalten Meeresströmung, sondern war aufgewühlt, als würde draußen auf dem Ozean ein Sturm wüten. Bei jedem plötzlichen Gewackel krampfte sich Berenikes übersäuerter Magen zusammen. In diesem Moment hätte sie alles für einen Beutel mit Haselnusskernen gegeben, um den Schmerz zu dämpfen. Aber dieser Luxus war für sie unter dem Meeresspiegel unerreichbar.
Stattdessen konzentrierte sie sich auf die verschlungenen Muster des Gitters als Fixpunkt in einer Welt, die stets in Bewegung war. Immer wieder sah sie kleine Wellen, die in den Löchern schwappten, hörte ihr Murmeln und spürte mit jedem Herzschlag, wie das Meer mit der ganzen Stadt spielte wie mit einer hohlen Perle. Und genau das war Unter-Vik in der Sprache der Andesiten auch: Ed’Dir-Mari – »Perlen treiben auf dem Meer«.
Die menschlichen Bewohner fanden weniger poetische Worte: »Riesenhaufen Froschlaich«, war noch die freundlichste und am wenigsten anzügliche Bezeichnung für das Stadtgebilde.
Unter Berenike glitten in der Wasserhälfte des Tunnels Andesiten vorbei. Ihre Schwimmbewegungen waren flüssig und elegant. Sie beachteten die kniende Menschenfrau über ihren Köpfen nicht. Es war wie überall in Städten: Man kümmerte sich um seinen eigenen Kram.
Vorsichtig hob Berenike den Kopf, drehte ihn erst auf die eine, dann auf die andere Seite – nicht mehr als der übliche, leichte Schwindel, den das Meer ihr verursachte. Wieder einmal hatte sie gegen ihren eigenen Körper gewonnen. Draußen dämmerte es. Einen kurzen Augenblick lang bewunderte Berenike den diffusen Schimmer, der sich von der Wasseroberfläche seinen Weg hinunter bahnte. Dann fragte sie sich, weshalb sie ihn sehen konnte, denn normalerweise leuchteten Außenscheinwerfer die Umgebung aus, bis es ganz hell geworden war. Jetzt glimmten nur noch die schwachen Leuchtstoffröhren im Tunnel. Gut möglich, dass wieder einmal Strom eingespart werden musste – die Gezeitenkraftwerke kamen allmählich in die Jahre, die Andesiten sparten Energie, wo sie nur konnten. Wenn Berenike es richtig mitbekommen hatte, dann wusste niemand genau, wie man diese Wunderwerke der Technik reparieren oder gar neu bauen konnte.
Die Welt um uns herum verfällt und wir haben es in all den Jahren nicht gesehen.
Sie seufzte schwer. In den vergangenen vier Monaten war sie nicht nur tief gefallen, sondern noch dazu auf einem sehr harten Tatsachenboden aufgeschlagen. Was hatte sie sich bloß all die Jahre als Verantwortliche für den Sicherheitsapparat eingebildet? Nicht einmal einen winzigen Bruchteil dessen, was sich unterhalb der herrschenden Augen tat, hatte sie gesehen oder gar verstanden. Natürlich waren ihre Informanten und Zuträger keine unfähigen Leute, aber es fiel ihr wie Schuppen von den Augen, wie wenige von ihnen wirklich sämtliche Bevölkerungsschichten durchdrangen – nur hatte Berenike über Jahre geglaubt, dass ihr Sicherheitsapparat bereits ausreichend tief verankert war. Wie naiv von ihr! Aber gut, diese Boje war versenkt, da half es nicht, wenn sie sich jetzt Vorwürfe machte. Wichtig war vor allem, was sie daraus gelernt hatte. Nur wie sie jetzt weitermachen sollte, da war sie unschlüssig. Einerseits musste sie so schnell wie möglich wieder alle Fäden in die Hand bekommen und für die Sicherheit im Imperium sorgen – was natürlich den Vorteil hatte, endlich wieder die Sonne zu sehen und diesem vermaledeiten Ozean zu entkommen. Andererseits bot ihre Situation ideale Bedingungen, um endlich die Tiefen der Gesellschaft zu durchschauen und dort ein festes Netz zu installieren, das zuverlässig Informationen zusammentrug.
Wieder seufzte sie. Das Abbild, das sich in den Tunnelwänden spiegelte, sah genau so aus, wie sie sich fühlte – eine nicht mehr junge, müde, kraftlose Frau. Kein Zweifel: Abgesehen davon, dass niemand sie hier vermutete, würde sie auch niemand mehr erkennen, möglicherweise nicht einmal ihre eigene Familie. Auch für Andesiten, die oft ein geradezu fotografisches Gedächtnis besaßen, war es schwierig, hinter den scharf hervortretenden Wangenknochen und der bleichen Haut das herb geschnittene und stets von Wind und Wetter gebräunte Gesicht von Berenike zu erkennen. Ihre herbstroten, lockigen Haare trug sie kurz geschoren, wie so viele Menschen hier unter den Wellen. Die bleiche Haut blitzte unter den Stoppeln hervor. Berenike war keine große Frau, aber immer kräftig gewesen. Jetzt war dort eingefallene Leere, wo ihr breites Kreuz noch vor Monaten diesen sackartigen Overall gespannt hätte.
»Erbärmlich siehst du aus, Nike.«
Sie stutzte.
Ein Schatten glitt über ihr Gesicht. Waren das ihre eigenen Worte oder die ihrer Mutter, die sie so viele Jahre lang hatte hören müssen? Wieder stutzte sie. Der Schatten war nicht der Schatten der Erinnerung gewesen. Dort draußen, jenseits der gläsernen Wand, bewegte sich etwas Mächtiges.
Mit einem Ruck war sie auf den Füßen. Nicht völlig sicher, aber bereit zur Flucht. Die schummrige Beleuchtung des Tunnels reichte nicht aus, um im dämmerdunklen Meer noch etwas erkennen zu können. So erahnte Berenike den langgestreckten Umriss mehr, als dass sie ihn sah. Dieser näherte sich dem Tunnel mit kraftvollen Schwüngen seiner breiten Flossen, offenbar angelockt vom Licht und von der Bewegung.
Berenike erstarrte. Was auch immer sich da draußen befand, es verhielt sich wie ein siegesgewisser Jäger, der Witterung aufnahm. Ein riesiger Jäger.
Wenige Herzschläge später sah sie ihn: einen Mosasaurus. Das konnte nur bedeuten, dass es ein Loch in der Barriere gab, die Unter-Vik und die Küste dieser Gegend vor den Monstrositäten des tiefen Ozeans schützte.
Ruhig, Nike!, ermahnte sie sich selbst. Die Stadt ist stark genug, um es mit einem von denen aufzunehmen.
Aber was half ihr diese Beruhigung? Es war zu spät, um zu rennen oder zu warten, bis die Wächter mit ihren U-Booten, Netzen und Waffen zur Stelle waren. Ihr blieb nur, so bewegungslos auszuharren, wie sie konnte. Eine winzige Chance, dass diese Bestie sie nicht wahrnahm, denn auf die Stabilität der Tunnelwände wollte sie lieber nicht vertrauen. Hinter ihrem eleganten Äußeren war die Stadt ein einziger maroder Flickenteppich.
Doch egal wie sehr Berenike versuchte, sich unsichtbar zu machen, sie hatte das Interesse des Mosasaurus bereits geweckt. Dieser umkreiste den Tunnel und hielt dann direkt auf sie zu. Gut möglich, dass er nach dem langen Winter zu ausgehungert war, um sich von Wänden abschrecken zu lassen. Wie es die Art dieser Wesen war, tauchte es ein wenig ab und stieß dann vom Grund des Meeres hinauf, auf sein Opfer zu. Berenike gab nun doch ihre Bewegungslosigkeit auf, warf sich zur Seite und rannte los. Das würde keinen Unterschied machen, wenn der Tunnel zerbarst. Nur den einen, dass sie dann im Wasser um ihr Leben kämpfen musste, anstatt gleich zwischen den gebogenen Zähnen zu landen, aus denen es kein Entkommen mehr gab. Aber es lag nun mal in der Natur der meisten Lebewesen, wenigstens einen Fluchtversuch zu unternehmen, wie dumm der auch sein mochte.
Berenike schaute nicht zurück. Sie schaute nach vorn, auf das unendlich weit entfernte Ende des Tunnels. Zwei Sprünge weit kam sie, dann ließen ihre müden Beine sie für Sekundenbruchteile im Stich und klappten einfach ein. Unwillkürlich ging ihr Blick über die Schulter, sah den Schatten heranrasen. Instinktiv machte sie sich klein und klammerte sich am Bodengitter fest. Salzige Wellen leckten an ihren Fingern.
Im letzten Moment bemerkte der Mosasaurus dann doch die gläserne Röhre, die sein potenzielles Frühstück schützte. Er warf seinen walzenförmigen Körper zur Seite, war aber schon zu schnell, so dass seine Unterseite mit ungebremster Wucht den Tunnel rammte. Die Kollision war so heftig, dass Berenike kurz den Kontakt zum Boden verlor. Wasser schoss in Fontänen durch das Gitter des Stegs. Alles schwankte und schwappte und drehte sich. Berenike hustete Wasser, versuchte aufzustehen, rutschte immer wieder aus und wurde schließlich gegen die Tunnelwand geschleudert. Der Aufprall lähmte ihre Glieder.
Ein langgestreckter Kiefer rauschte an ihrem Gesicht vorbei, dann der hellere Bauch, die Schwanzflosse. Getragen vom eigenen Schwung glitt das Monstrum an der Wand entlang, vollführte eine Art Rolle und drehte bei, benommen von dem heftigen Aufprall. Doch das primitive Reptilienhirn war nur kurz erschüttert. Das Biest schwamm einen weiten Bogen und kam dann langsam wieder näher, um sich die seltsame Kreatur im gläsernen Panzer noch einmal in Ruhe anzusehen.
Berenike hatte andere Sorgen. Sie kämpfte darum, die Herrschaft über ihre Arme und Beine wiederzubekommen und nicht in dem wild durch den Tunnel schwappenden Wasser zu ertrinken.
Endlich kam das Bauwerk zur Ruhe. Berenike atmete durch, spuckte Brackwasser aus, konzentrierte sich auf das Oben und das Unten. Der Mosasaurus glitt um die Röhre herum und suchte nach einer Schwachstelle. Sein klares, blaues Reptilienauge behielt Berenike fest im Blick. Er hatte verloren. Endlich sah er das ein und tauchte in die Dunkelheit des Meeres ab.
Eine am ganzen Körper zitternde Berenike blieb zurück, den schalen, salzigen Geschmack des Meeres in Mund und Nase, bis auf die Haut durchnässt. Sie legte sich auf die Seite, hustete und rang darum, die Kontrolle über sich zurückzubekommen.
Ich war unachtsam. Ich habe ihn nicht kommen sehen. Wie die Verschwörung. Wir müssen wachsamer sein und tiefer unter die Oberfläche schauen. Wir müssen nach den Schatten suchen, die in der Dunkelheit lauern und wir müssen auf alles vorbereitet sein. Wir dürfen nicht darauf vertrauen, die vollständige Wahrheit auf den ersten Blick zu erkennen.
Endlich verlangsamte sich ihr Herzschlag, und auch wenn jeder Atemzug noch nach fauligem Meerwasser schmeckte, schlug allmählich eine Gewissheit durch: Sie lebte und sie war in der Lage, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Vergessen war jeder Gedanke daran, zurück an die Oberfläche zu gehen und einfach wieder ihren alten Posten einzunehmen. Sie musste hierbleiben, einen neuen Sicherheitsapparat aufbauen, selbst tiefer in die Schatten eindringen – und aus diesen heraus zuschlagen. Und neben all dem ein wachsames Auge auf die Gefahren haben, die sie noch nicht kannte. Die unbekannten Verschwörer auf dem eigenen Planeten schienen nur die Oberfläche zu sein. Im Weltall, das noch viel tiefer und dunkler war, als die bathypelagischen Tiefen des Ozeans, lauerte die wirkliche Gefahr.

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